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Predigt zum 25-jährigen HuK-Jubiläum in Berlin, Juni 2002:

[Letzte Aktualisierung: 15.07.2002]

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Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) e.V.

Predigt zum 25-jährigen HuK-Jubiläum in Berlin, Juni 2002:

Liebe Emmausgemeinde, liebe Freunde und Freundinnen von der HuK!

Juni 1977, Kirchentag in Berlin. Ich war dabei. Auf dem "Markt der Möglichkeiten" am Stand der "Christen für den Sozialismus" ein kleines Schild: "Wer sich als kirchlicher Mitarbeiter für das Thema Homosexualität interessiert komme nach...." Den Ort habe es vergessen. Es war eine dunkle Hinterhofwohnung. Die Atmosphäre: scheu und verklemmt. Im Verlauf des Abends hörte ich viele bedrückende Lebensgeschichten. Das war die Geburtsstunde der ökumenischen Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche. Genau 25 Jahre ist es her. Fast mein ganzes Leben als Gemeindepfarrer hat mich das Thema beschäftigt, bis unsere rheinische Kirche im Januar 2000 den Gottesdienst für gleichgeschlechtliche Partnerschaften beschloss. Das Bewusstsein für die Gleichachtung unterschiedlicher Lebensformen hat sich geändert. Aber es war ein langer Kampf. Heute habe ich die Ehre, zum 25. Jahrestag der HuK hier in der Emmauskirche in Kreuzberg, meinem Heimatbezirk, die Predigt zu halten!

Es hätte nahegelegen, über die Liebe zu sprechen. Aber ich möchte etwas grundsätzlicher reden, und zwar über die Frage nach dem Wesen des Christentums: für mich. Und ich tue das auch im Gedenken an den jüngst verstorbenen Prof. Friedrich-Wilhelm Marquardt, der mich in der Berliner Studentengemeinde vor 45 Jahren als erster für den christlichen Glauben begeistert hat.

Was ist mich das Wesentliche am christlichen Glauben? Es ist ein Satz aus der Osterbotschaft, die mein fröhlicher Grabspruch werden soll: "Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?" Diese Frage, mit der die Frauen vom Grab Jesu wieder weggeschickt werden, führt in doppelter Hinsicht ins Leben: Er führt die Frauen zurück in ihr zeitliches Leben, das aber grundlegend dadurch verändert ist, dass sie nun vom Leben jenseits der Zeit herkommen und darauf zugehen.

"All dein Leben führt zum Tod, all dein Tod zum Leben." (Rudolf Alexander Schröder)

Der Durchbruch der Todesschranke, - die Botschaft vom ganzen Leben jenseits des Ausschnittes, den wir in der Zeit nur leben können, ist für mich das Zentrum des christlichen Glaubens. In der Geschichte der Kirche ist davon lange nicht oder falsch geredet worden. Das Nichtreden geschah in einer Eintrocknung des Evangeliums auf die Ethik. Ich schätze die Ethik natürlich nicht gering. Die "goldene Regel" der jüdisch-christlichen Tradition hat unsere Gesellschaft geprägt, - wenn sie auch das große Völkermorden nicht verhindert hat. Sie erinnern sich an die Bergpredigt, in der es heißt: ?Behandelt die Menschen so, wie ihr selbst von ihnen behandelt werden wollt³ (Matth 7,12).

Aber eine Ethik ohne die Aussicht, dass ich einmal gefragt werde, ob ich mich bemüht habe, danach zu leben, hat keinen Grund und Boden. Sie ist nicht davor gefeit, in bloßes Nützlichkeitsdenken abzusinken. Das Ego ohne Aussicht auf Begegnung ist nicht nur verzweifelt einsam sondern auch aller Machtgier und Vergnügungssucht ausgeliefert. Die Rede davon, dass wir uns zu Tode vergnügen, - oder zu Tode arbeiten, - oder zu Tode materielle Schätze sammeln ist wahr. Ethik ohne jenseitige Verankerung hat keine Bodenhaftung, - bleibt den Winden des Modischen und Nützlichen ausgeliefert. Denn warum soll ich mich ethisch verhalten, wenn mich niemand nach meinem Leben fragen wird?

Neben der Reduzierung des Christentums auf die Ethik begegnete auch ein falsches Reden um Jenseits, in dem die Wirklichkeit unseres zeitlichen Lebens übersprungen und letztlich geleugnet wurde. Das geschah, als die Kirche vor allem im vorigen Jahrhundert die realen sozialen Konflikte übersah und, gebunden an die herrschende gesellschaftliche Klasse, die ausgebeuteten Menschen auf ein Jenseits vertröstete. Damit hatte sie nicht nur Jesus mit seinen Worten und Taten verleugnet, sondern auch Gott, der uns mit dem Auftrag der Liebe in die Zeit entlassen hat. Bei Matthias Claudius heißt es: "Wir sind nicht umsonst in diese Welt gesetzt; wir sollen hier reif für eine andere werden, und man kann unseren Körper als ein Gradierhaus ansehen, wo das wilde Wasser von dem guten geschieden werden soll. Es ist nur Einer, der dazu helfen kann, und dem sei Ehre in Ewigkeit."

Ich kann mein Leben in meiner Welt und Zeit nur verstehen wenn ich es eingebunden, eingerahmt weiß von Quelle und Mündung, - von Ursprung und Ziel, von Ausgang und Eingang, von Entlassung und Heimkehr. Was sucht Ihr den Lebenden bei den Toten? Das Zentrum des christlichen Glaubens ist für mich die Einbindung meines Lebens - des Lebens jedes Menschen, - in das ganze Leben, das Gott selber ist. Dass dieses ganze Leben existiert, ist erfahrbar. Die Kirche hat in der Vergangenheit zu wenig von der Erfahrbarkeit ihrer Botschaft geredet. Schon immer hat mich eine bloße "Behauptungstheologie" geärgert, die letztlich nach der Weise "Friss Vogel oder stirb" geschluckt werden muss. Da hieß es dann immer: "Das musst du eben glauben." Aber ich war nie bereit, meinen Verstand vor der Kirchentür abzugeben. (Das habe ich vor vielen Jahren bei F. W. Marquardt gelernt).

Und dabei können wir doch an uns selbst erkennen und erfahren, wie wahr die Botschaft von der Auferstehung, von der Rückkehr des Menschen in das Leben bei Gott ist: Erfahrungen die jeder von uns macht, führen zu der Erkenntnis, dass wir auf das Leben bei Gott ausgerichtet sind:

Die Erfahrung, dass ich mich nicht selber gemacht habe.
Die Erfahrung, dass ich immer mehr bin, als andere von mir zu sehen bekommen.
Die Erfahrung einer bleibenden Fremdheit in der Welt.
Die Erfahrung, dass ich mehr zu sein scheine, als ich selber von mir weiß.
Die Erfahrung der unstillbaren Unruhe meines Herzens, der alles übergreifenden Sehnsucht meiner Seele.
Die Erfahrung, dass Fragen in mir sind, von denen ich weiß, dass sie kein Mensch beantworten kann.
Die Erfahrung der Unvorstellbarkeit meines Nicht-mehr-in-der-Welt-Seins.
Die Erfahrung, dass in mir der Gedanke an Gott ist - wie in allen Menschen, so verschieden die Bilder auch sein mögen!

"Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?" Das Wesentliche des christlichen Glaubens ist für mich seine Zukunftsorientierung, sowohl im Blick auf das Schicksal der Welt, die nicht In Nacht und Nebel versinken wird, sondern als Ziel das Reich Gottes vor sich hat; - wie auch im Blick auf mein individuelles Leben, das durch den Tod hindurch au Gott zurückkehren wird, der mich fragt und ohne Vorbehalte annimmt. Von dieser Zukunft des Menschen sollte die Kirche, sollten wir intensiver reden, - und nicht nur reden, sondern unsere Zukunft auch feiern, - freilich ohne die Gegenwart aus dem Blick zu verlieren. Aber für unsere Gegenwart können wir ja nur Mut und Geduld aufbringen, wenn wir davon überzeugt sind, dass wir überhaupt eine Zukunft haben. Und wir sollten sie nicht sonst wo suchen.

Im 5. Buch Mose heißt es: Gott spricht: Das Wort, das dir gilt, ist nicht im Himmel, so dass du sagen müsstest: Wer will für uns in den Himmel fahren und es uns holen, damit wir es hören und tun? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, so dass du sagen müsstest: Wer will für uns übers Meer fahren und es uns holen, damit wir es hören und tun? Denn das Wort ist ganz nahe bei dir, in deinem Mund und in deinem Herzen. (5. Mose 12-14)

Und wie ein Kommentar dazu heißt es bei dem Mystiker Angelus Silesius:

Halt! Wo läufst du hin?
Der Himmel ist in dir.
Suchst du Gott anderswo,
du fehlst ihn für und für.
Spuren des Jenseits sind in uns.

Von den Erfahrungen der Seele, von religiösen Erfahrungen zu reden, war in Kirche und Theologie lange Zeit nicht opportun. Die Mystik wurde aus der Kirche verband. Sie wurde auch gefürchtet, weil sie den Menschen unabhängig macht von Lehramt und Institution.

Aber wir sind alle religiöse Wesen. Wir übersteigen uns ständig selbst in unserer Sehnsucht, von der wir erst im höheren Alter wissen, dass es die Gottessehnsucht ist. Wir können mit dem Philosophen Gabriel Marcel sagen: "Der Mensch ist Sehnsucht." Und ich denke, dass wir gerade so von Gott geschaffen wurden, als er dem Erdklumpen seinen Atem einblies und damit das Leben, das nicht aufhören kann sich, nach ihm zu sehnen.

"Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir", sagt der Hebräerbrief. Von dieser Heimat ist zu reden und von dem Licht, das ihr vorausscheint - in uns. Nochmals: die Wirklichkeit, in der wir leben, ist nicht gleichgültig. Sie ist unsere Aufgabe. Eine schöne, eine harte, eine oft schmerzliche Aufgabe: Frieden zu schaffen und Gerechtigkeit und für jeden Menschen die Achtung als Geschöpf Gottes. Es wäre zum Verzweifeln, ware in uns nicht das Licht einer Hoffnung, die wir uns nicht selbst geschaffen haben.

Elisabeth Kübler-Ross sagt am Ende ihres nicht leichten Lebens: "Als wir aus der Quelle, die ich Gott nenne, geboren wurden, ward jeder von uns ein göttlicher Funke mitgegeben. Er ist es, der uns das Wissen um unsere Unsterblichkeit verleiht." Ich spreche lieber von Ankunft und Rückkehr. Aber ohne dieses Wissen können wir nicht den geduldigen Mut aufbringen, an der Verbesserung unserer Wirklichkeit zu arbeiten. Nur damit können wir auch die Kraft gewinnen, unser persönliches Leid ertragen.

Ich möchte Ihnen und Euch einen Text von Ernesto Cardenal mitgeben, der mich schon einige Zeit begleitet:

Alle Schönheit deiner Erde,
Gott, ist voll Verzauberung,
und all deine Geschöpfe sind verführerisch.
Wenn uns die Welt schon so entzückt,
wie sollten wir nicht brennen,
wenn wirklich von Angesicht zu Angesicht schauen?
Ich werde zu Fuß bis ans Ende der Welt laufen,
wenn ich dich dort fände.
Aber du bist
nicht am Ende der Welt,
sondern in mir.

Die Erinnerung und Ahnung unserer Zukunft in Gott, die uns Mut macht zum Leben, ist für mich das Wesentliche an der guten Nachricht des Christentums. Über allen Gräbern, so sehr sie uns schmerzen und manchmal auch verzweifelt zurücklassen, steht die Frage: "Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?" Und die Frage ist auch die Antwort.

Amen.

Hans Georg Wiedemann