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  Turbulente Tage in Riga (Riga Pride 2006)  

[Letzte Aktualisierung: 10.12.2006]

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Riga Pride 2006: CSD Parade verboten, Gewalttätigkeiten beim Gottesdienst

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Die Tage um die geplante, dann verbotene "Riga Pride Parade" 2006 in Lettland (entsprechend den CSDs in Deutschland, dort aber viel umstrittener und politischer) waren sehr turbulent. Weil das Europäische Forum christlicher Schwulen- und Lesbengruppen seine Jahres-Konferenz im Mai 2006 in Riga/Lettland durchgeführt hatte und sich seitdem den dortigen Gruppen besonders verbunden fühlt, waren mehrere Forum-Vertreter, u.a. der Co-Präsident Arthur Thiry aus Schweden und der HuK-Pressesprecher Reinhold Weicker, in Riga anwesend. Im Folgenden ist ein Brief wiedergegeben, den Arthur Thiry kurz nach dem Wochenende verschickt hat. (Übersetzung: Reinhold Weicker)

(Montag, 24. Juli 2006): Hallo Ihr alle,

We Ihr vermutlich alle gesehen und gehört habt, hatten wir eine anstrengende Zeit in Riga. Es wird eine Zeitlang dauern, bis sich meine Emotionen wieder gelegt haben werden, und bis ich das Gefühl, verletzt worden zu sein, aus meinem System wieder draußen habe. Ich will versuchen, Euch durch die Erfahrungen mitzunehmen, in zeitlicher Reihenfolge von Freitag ab, als ich mich mit meiner guten Freundin, der schwedischen Polizeibeamtin Irmeli Krans, getroffen habe. (Sie ist die Polizeibeamtin, die in dem Dokumenarfilm zu sehen ist, den wir bei der Konferenz zeigten und Euch zur Verfügung stellten.)

Anmerkung des Übersetzers: Bei der Forum-Konferenz im Mai 2006 und jetzt noch einmal im Juli wurde das Projekt "Alles klar? Lesben, Schwule und Bisexuelle am Arbeitsplatz" vorgestellt, bei dem die schwedische Kirche, die Armee und die Polizei in Schweden zusammengearbeitet haben.

Es waren nur etwa 12 Leute beim Workshop. Wir hatten eine professionelle Dolmetscherin, Mara, und unter den Teilnehmenden waren einige hochrangige Leute aus dem Gesundheits- und dem Integrationsministerium. Der Workshop lief gut. Wir konnten gute Diskussionen haben, und wir wurden zu einem Treffen mit der Integrationsministerin eingeladen. Ich konnte ihr das "Forum" vorstellen, und ich hatte ein gute Gespräch mit der Ministerin über die Notwendigkeit, eine Gesetzgebung gegen Diskriminierung zu haben, die keine Ausnahmen für religiöse Organisationen macht. Sie ist eine Politikerin, aber sie hörte sorgfältig zu, und sie stimmte mir wirklich zu. Es wäre wohl gut, ihr ein entsprechendes Projekt [für Lettland] auch vorzuschlagen. Ich habe vor, das mit Hilfe von EKHO und COC (NL) und evtl. der schwedischen Polizei zu tun.

Das Gericht hatte den ganzen Tag lang die Frage der Parade [ob dem Antrag auf Aufhebung des Verbots stattgegeben werden solle] erörtert. Das Urteil kam um 18 Uhr, es wurde keine Erlaubnis gegeben. Es gab einige Enttäuschung, aber die Organisatoren wollten sich dem Urteil fügen; eine alternative Veranstaltung zur Parade würde stattfinden. Dann hatten wir einen ruhigen Abend, mit Essen und etwas Tanz. (Ich besprach mit Maris noch etwas die Planung für den Gottesdienst.)

Samstag morgen: Bei schönem heißem Sommerwetter über den Fluss zur Kirche. Ich trage meinen "geistlichen Kragen", sehe entsprechend aus und agiere entsprechend. Der Gottesdienst fängt mit etas Verspätung an, ich übernehme Schriftlesung und einen Teil der Gebete, Maris predigt über Maria Magdalena, Juris, der anglikanische Pfarrer, leitet die Abendmahlsfeier. In diesem Moment kommen ein paar junge Leute in den Gottesdienst, nicht ohne Respekt, aber verstört (Der Gottesdienst war ursprünglich für 11 Uhr geplant gewesen und dann auf 10 Uhr vorverlegt worden, damit er nicht mit der Pressekonferenz kollidiert). Maris flüstert Andis von vorne zu, dass wir die Tür verschließen sollten. Er tut es sofort. Wir haben eine wunderbare Zeit der Gemeinschaft, in der Gottes Geist viele anrührt.
Es sieht so aus, als ob die Gegner geplant hatten, zur Kirche zu kommen und den Gottesdienst dadurch zu stoppen, dass sie Scheiße auf alle werfen, die versuchen, den Gottesdienst zu besuchen; so sollte der Gottesdienst verhindert werden. Was dann geschah, war: Als wir nach dem Gottesdienst zur Pressekonferenz gehen wollten (Maris, Juris, eine niederländische Abgeordnete des Europäischen Parlaments und ich), kam der Angriff. Maris wurde getroffen, Juris war mit Dreck beworfen worden; und später merkte ich, dass auch ich getroffen worden war. Da ich schwarze Kleidung trug, konnte ich es zunächst nicht sehen; aber der Gestank hielt sich den ganzen Tag über. Die Gruppe, die uns angriff, war nicht homogen: Es gab Leute, die offensichlich von niedrigem Niveau waren und wie Abschaum wirkten, aber auch gut angezogene und disziplinierte Faschisten. Frauen waren nicht sichtbar; die Gruppe hatte sich nach mehreren Richtungen ausgebreitet, um uns am Verlassen der Kirche zu hindern. Trotz der ernsthaften Bedrohung gab die Polizei der Kirche keinen Schutz, und wir mussten uns in die Kirche zurückziehen. Es dauerte 10 Minuten, bis die Polizei kam, und wie ich sehen konnte, wurden zwei Menschen festgenommen. Wir mussten 2 Häuserblöcke zum Auto gehen; es gab immer noch Demonstranten, und Eier flogen. Wir fuhren zur Pressekonferenz. Dort gab es einen "warmen Empfang" durch einen obszönen, klebrigen Mob von hasserfüllten Protestierern. Die Polizei nahm uns in die Mitte und führte uns durch die Menge, die uns aber doch anschreien und herumschubsen konnte. Im Aufzug nach oben führte der Gestank dazu, dass sich eine schwangere junge Frau aus dem Organisationskommittee übergeben musste. Sie entschuldigte sich bei uns; aber weil sie schwanger war, konnte sie einfach nichts dagegen tun. Unsere Ankunft unterbrach die Pressekonferenz. Die Kamerateams verliessen den Raum und drängten sich im Gang um uns herum. Wir beantworteten Fragen; Maris war natürlich der, an dem sie am meisten interessiert waren, aber als Ausländer wurde ich auch interviewt, ebenso wie die niederländische Europa-Abgeordnete. Es wurde international bekannt, dass die Parade unter Beschuss stand.

Das trickreiche Problem war dann, wie wir das Gebäude unauffällig genug verlassen konnten, um zu dem Konzentrationslager außerhalb Rigas zu einer kleinen Feierstunde zu gelangen. Durch Kontakte von Maris war vereinbart worden, dass wir von einem kleinen Film-Team vom öffentlichen lettischen Fernsehen empfangen und unsere Aktionen dokumentiert wurden. Wir entschieden, dass wir uns aufteilen sollten: Ich würde mit den Frauen Liga und Evita kommen (als ob ich ihnen Schutz gewährleisten hätte können!). Wir verließen das Gebäude gleichzeitig, Maris und einige Leute gingen in eine Richtung, wir in die andere. Wir baten um Polizeischutz auf dem Weg zum Auto, aber er wurde uns nicht gewährt. Die Menge bedrohte uns verbal, einige spuckten aus, und es wurde klar, dass wir rennen mussten. Wir rannten, die Menge folgte uns. Wir stürzten uns in das Auto und fuhren schnell davon. Ich merkte noch, dass es einige mit uns sympathisierende Menschen gab, die die Menge physisch zu langsamerem Ghen brachten. (Liga ist eine bekannte Leichtathletik-Sportlerin, sie hat Medaillen von Europmeisterschaften und Olympischen Spielen. Als wir rannten, ist sie wirklich gerannt!).

Maris wurde wieder angegriffen; zwei Frauen von der reformierten Gemeinde versuchten, ihn zu schützen und wurden mit Exkrementen überschüttet. Sie verfehlten Maris, dank der tapferen Aktionen dieser zwei sympathischen Frauen. "Bomben" aus Scheiße trafen allerdings das Auto. (Maris durfte im Auto rauchen, um den Geruch zu überdecken.) Wir kamen aus der Stadt heraus zum Konzentrationslager, wo wir von einigen Mitgliedern der Gemeinde von Maris und dem Filmteam begrüßt wurden. Es gab hier keine Protestierer, da der Termin streng geheim gehalten worden war. Wir hatten Kerzen und Blumen und gingen feierlich zu dem Denkmal, wo wir eine kurze Feier hielten, die ich mit einem Gebet abschloss. Maris las einen Abschnitt aus dem Buch "Die Männer mit dem rosa Winkel" über die Verfolgung von Schwulen und Lesben durch die Nazis. Wir alle weinten. Die Nachichtenagentur Reuters war auch anwesend.

Wir fassten uns wieder, fuhren bei einer Auto-Waschstation vorbei, die auch sehr nötig war, und kehrten um Hotel zurück, wo die Ersatzverantaltung zur Gay Pride Parade stattfand. Die Polizei ließ zu, dass es Ausschreitungen gab. Maris und ich wurden durch die Küche hineingeschmuggelt. Das schien gut zu funktionieren, aber als wir in die Lobby kamen, um zum Veranstaltungsraum hinaufzugehen, wurden wir verbal und physisch von Nazi-Frauen in Kampfstiefeln attackiert, die von der Polizei in das Hotel eingelassen worden waren. Danach wurden sie herausgeworfen. Liga und Evita kamen durch den Mob am Vordereingang des Hotels. Sie wurden angegriffen, und es wurde ihnen ins Gesicht gespuckt. Wir beauerten, dass wir sie nicht auch durch den Hintereingang hineingeschmuggelt hatten, aber es war schwer, vorab das Niveau der Gewalttätigkeit und den Grad der Gefährdung abzuschätzen. Maris war der erste Sprecher, und Bilder von der Feier im Konzentrationslager wurden auf der Leinwand gezeigt. Es zeigte sich dann, dass Protestierer sogar in den Raum selbst eingelassen worden waren; trotz aller Forderungen und Bitten funktionierte die Gewährleistung der Sicherheit einfach nicht. Auf meinem Weg zur Toilette traf ich wütende Protestierer, die sagten, ich solle Lettland verlasen oder sterben. Ich sagte ihnen, sie sollten sich beruhigen; sie wurden dann schließlich hinausgeworfen, von Kraftsportlern, die das Hotel gerufen hatte, da die Polizei nicht ihre Pflicht tat. Die Dinge schienen sich zu beruhigen, aber Menschen wurden immer noch von dem Mob angegriffen, wenn sie versuchten, das Hotel zu verlassen. Das geschah sogar Touristen, die in dem Hotel wohnten! Die Polizei reagierte schließlich, als Unruhestifter versuchten, ein Auto umzuwerfen, in dem schwule Aktivisten versuchten, die Gegend zu verlassen. Ich selbst sah, wie Menschen mit Gummiknüppeln durch das Hotelfenster durch auf den Kopf geschlagen wurden. Die Lage wandelte sich vom Schlechten zu Schlimmerem.

Als wir die Ersatzveranstaltung abgeschlossen hatten, entschieden Maris und ich, dass wir im Hotel bleiben würden, bis sich die Dinge abgekühlt hätten, und wir gingen hinauf zur Dachgeschoß-Bar. Als wir unser erstes Bier tranken, kam Sicherheitsbeamte des Hotels und sagten uns, dass Morddrohungen für uns eingegangen seien. Sie geleiteten uns zu einem Raum im Dachgeschoss, wo ich die nächsten drei Stunden mit Maris und dem Organisationskommittee verbrachte, auf Spezialkräfte wartend, damit wir das Hotel verlassen konnten. Der Eingang war blockiert: Selbst wenn wir gewollt hätten, hätten wir das Hotel nicht verlassen können. Unsere Handys arbeiteten fieberhaft. Es stellte sich heraus, dass Sicherheitskräfte der amerikanischen Botschaft außerhalb der Botschaft aktiv waren, um Pride-Aktivisten zu schützen, die in einem nahegelegenen Hotelrestaurant extrem bedroht wurden. Meine schwedischen Freunde und Mit-Aktiven wurden mit Eiern und Flaschen beworfen! Und das, obwohl man sie zum Hinterausgang herausgeleitet hatte. Da ich eine doppelte Staatsangehörigkeit habe [d.h. offenbar auch die der USA], boten mir die Botschafts-Sicherheitskräfte Hilfe an, wenn ich das Hotel verlassen wollte. Ich entschloss mich, mit den Organisatoren zu bleiben, da ich mir um die Sicherheit von Maris Sorgen machte. Dann kam der [lettische] Finanzminister, er rief eine Polizei-Spezialeinheit, und wir konnten das Hotel in einem Ministeriumswagen verlassen, eskortiert von Polizeiautos. Wir wurden zu einem privaten Wohnhaus gebracht, bekamen Erfrischungen und sahen dort die Nachrichten auf zwei öffentlichen Fernsehkanälen: Die Bilder von unserem Besuch im Konzentrationslager wurden gezeigt, dann die Bilder von den Unruhen. Die Mutter von Maris wurde interviewt. (Man sah auch uns, wie wir zwischen den Protestieren durchgingen.) Eine Schweigeminute wurde vom Sender eingelegt, zum "Tod der Demokratie". Dann wurden wir zu einem Restaurant geleitet, wo sich die Aktivisten versammelten. Später beendeten wir den Abend mit Singen und Tanzen in einer Bar.

Am nächsten Tag hatten wir Brunch mit dem Organisationskommittee, sagten uns mit Tränen Auf Wiedersehen, mit dem Versprechen, das nächste Jahr wiederzukommen, und flogen zurück. Maris flog nach Kanada, um dort am Donnerstag den Workshop zusammen mit Randi zu halten.

Lebt wohl,
  ein müder Arthur