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  Predigt über David und Jonathan  

[Letzte Aktualisierung: 21.10.2005 ]

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Ein Liebespaar in der Bibel: David und Jonathan

Die Predigt ist Teil einer Predigtreihe "Liebespaare in der Bibel". Sie wurde im Rahmen der "Sommerkirche 2005" (in der Urlaubs- und Sommerzeit) in der evangelischen Kirche in Garbsen bei Hannover gehalten. Der Prediger war Folko Habbe.

Liebe Gemeinde!

David und Jonathan: Bei den Überlegungen zu diesen Abschnitten aus dem 1. und 2. Buch Samuelis ergeben sich 3 Möglichkeiten der Interpretation:

Ich habe mich für das letzte Thema entschieden, denn hier geht es um einen Bericht über eine innige, liebevolle, aber am Ende auch traurige Freundschaft zweier junger Männer. Es ist sehr bemerkenswert, dass die Bibel so großen Wert darauf legt von dieser Freundschaft zu berichten, denn nicht umsonst ist ihr ein wichtiger Teil in den 2 Büchern Samuelis gewidmet.

Die Vorgeschichte:
Seit längerer Zeit wird das Volk Israel von den Philistern bedrängt. Die Kämpfe gehen zumeist zugunsten des Volkes Israel aus. Nun hatte aber der Prophet Samuel dem König Saul das Ende seines Königtums angekündigt und die Folge davon war, dass Saul immer wieder in Depressionen verfiel. In der Bibel ist hier von einem "dunklen Geist" die Rede.
Seine Getreuen schlagen deshalb vor, David zu holen, von dem sie erfahren hatten, dass er sehr eloquent und musikalisch begabt sei. Eine frühe Musiktherapie für einen depressiven Menschen also.

Zum wiederholten Male wird das Volk Israel von den Philistern bedroht, diesmal in der Gestalt von Goliath, einem außergewöhnlich groß gewachsenen Menschen. Er verhöhnt die Israeliten immer wieder, aber niemand von Sauls Leuten wagt einen Kampf mit ihm.
Schließlich ist es David, der Hirtenjunge, der Goliath durch seine mit Geschick eingesetzte Steinschleuder tötet, einer Waffe, die auch heute noch bei den Auseinandersetzungen zwischen Palästinensern und Israelis eine Rolle spielt. Im übrigen entspricht das Land der Philister annähernd dem heutigen Gazastreifen, der nie unter die endgültige Hoheit des Volkes Israel gelangt war. Geschichte scheint sich manchmal eben doch zu wiederholen.

Hier beginnt nun das eigentliche Geschehen um David und Jonathan. David ist jetzt am Hofe Sauls. Jonathan, der älteste Sohn König Sauls und ein erfolgreicher Krieger, ist bei den allerersten Gesprächen zwischen David und Saul dabei. Die Bibel berichtet darüber im 1. Buch Samuelis im 18. Kapitel folgendes:

"Nach dem Gespräch Davids mit Saul schloss Jonathan David in sein Herz und Jonathan liebte David wie sein eigenes Leben. Er schloss mit David einen Bund, denn er hatte ihn lieb wie sein eigenes Herz. Er zog den Mantel, den er anhatte, aus und gab ihn David, ebenso seine Rüstung, sein Schwert, seinen Bogen und seinen Gürtel".

Das ist eine so schicksalhafte Konstellation, das sie weit über die uns aus der Literatur bekannten Geschichten, wie sie beispielsweise Shakespeare in seinem Drama über Romeo und Julia beschreibt, hinausgeht. Da sind es die Kinder zweier abgrundtief verfeindeter Familien, die sich lieben, aber hier liebt Jonathan in dem jungen David seinen potentiellen Herausforderer, seinen unmittelbaren Konkurrenten um die Königswürde, den designierten Nachfolger König Sauls, seines Vaters.
Jonathan lernt David kennen, als er eben seine große Heldentat, nämlich den Sieg über Goliath, vollbracht hat. Da weiß David aber schon, dass er zu weiteren großen Dingen bestimmt ist, denn er ist schon zu diesem Zeitpunkt von Samuel bereits zum König gesalbt worden.
Jonathan verliebt sich also in seinen unmittelbaren Konkurrenten um die Macht, um die Gunst des Vaters und um die Gunst des Volkes. Es scheint Liebe auf den ersten Blick gewesen zu sein. Jonathan, der erfolgreiche Krieger, dieser an den seinerzeitigen traditionellen Erziehungsmaßstäben gemessene typische Mann, äußert seine Empfindungen einem anderen Mann gegenüber außergewöhnlich offen. Er verhält sich nach den damaligen Normen, - die auch heute noch weithin als gültig betrachtet werden - ganz und gar unmännlich, sehr weich und in dieser Offenheit sehr verletzbar.
Was aber bekommt Jonathan zurück?. Darüber ist im Text nichts gesagt, aber beschrieben wird der wachsende Argwohn Sauls gegenüber David. Er beobachtet ihn, er erzieht ihn. Er lässt David zum Krieger ausbilden und schickt ihn an die Spitze seiner Heere. Immer mit Erfolg. David ist unbesiegbar. Israel wird unter dem Heerführer David immer erfolgreicher, aber dem König Saul und seiner Familie droht die Macht und die Herrschaft zu entgleiten. Man kann diese Geschichten nicht lesen, ohne sie als eine ganz große Tragödie zu verstehen, die Tragödie einer Königsfamilie. Alles was Saul einmal selbst erfahren hatte, Erwählung, Salbung, Aufstieg wie ein ägyptischer Sonnengott, all dieses passiert, zunächst noch verdeckt, neben ihm mit David, mit David, dem die Liebe seines Sohnes gehört.
Was also kann er tun um diesem Geschehen ein Ende zu bereiten? Der Konflikt zwischen ihm, dem verworfenen König und seinem Konkurrenten, dem gesegneten David, ist inzwischen so groß geworden, dass Saul beschließt, dieses Problem allein zu lösen, er will und muss seinen Widersacher beseitigen. Und Jonathan, der Sohn Sauls? Er weiß von diesen Plänen. Seine Zerrissenheit zwischen dem Vater einerseits und dem Freund und Geliebten andererseits muss unerträglich gewesen sein. Er versucht zu vermitteln, zu beruhigen und zu beschwichtigen. Er tritt bei seinem Vater für David ein. In der Bibel liest sich das im 19. Kapitel des 1. Buches Samuelis so:

"Jonathan redete also zu Gunsten Davids mit seinem Vater und sagte zu ihm: Der König versündige sich nicht an seinem Knechte David, denn er hat sich ja auch nicht an dir versündigt. Hat er dir nicht in allem genützt, ist er dir, König Saul, mein Vater, nicht bedingungslos ergeben? Saul hörte auf Jonathan und schwor, so wahr der Herr lebt: David soll nicht umgebracht werden. Dann führte Jonathan David zu Saul, und David war wieder in seinen Diensten wie zuvor".

Diese Versprechen wird kurze Zeit später von Saul gebrochen. Er war abermals in eine tiefe Schwermut gefallen, eine abgrundtiefe Melancholie. Hier wird, wie schon einmal an anderer Stelle, wieder von dem "dunklen Geist" gesprochen. David versucht durch sein Lautenspiel Saul aus seiner Schwermut zu befreien, aber stattdessen schleudert Saul einen Speer nach David. Daraufhin floh David und machte ein heimliches Treffen mit Jonathan aus.
Diesmal ist es David, der das Geschehen bestimmt. Sie vereinbaren, dass David nicht zum Festmahl am Hofe erscheinen wird und Jonathan ersinnt eine Ausrede dafür. Saul jedoch durchschaut diesen Plan und gerät in großen Zorn. Die Kluft zwischen Saul und David wird immer größer, und Jonathan gerät zwischen die Fronten. Saul tobt, macht seinem Sohn die heftigsten Vorwürfe:

"Du Sohn einer ehrlosen Mutter. Ich weiß sehr wohl, dass du dir den Sohn Isais erkoren hast, dir und deiner Mutter, die dich geboren hat, zur Schande! Doch solange der Sohn Isais auf Erden lebt, wirst weder du noch dein Königtum bestand haben."
Nachzulesen im 1.Buch Samuelis im 20. Kapitel, V.30-31.

Ja, Saul greift sogar in seiner besinnungslosen Raserei nach dem Speer, um seinen Sohn damit zu durchbohren und zu töten. Nun weiß Jonathan, dass jeglicher Vermittlungsversuch zum Scheitern verurteilt ist. Die Kluft lässt sich nicht mehr überbrücken. Der Bruch zwischen Saul und David ist nun endgültig und nicht mehr zu heilen. Und so muss sich Jonathan entscheiden - er bleibt bei seinem Vater und bleibt doch David, seinem Geliebten - treu. Der Prinz bleibt am Königshof, der Hirte muss sich verstecken.
Der Abschied zwischen David und Jonathan ist jetzt unausweichlich. Noch einmal besiegeln sie ihren Bund und Jonathan nimmt David das Versprechen ab, dass er seine eigenen Nachkommen und das Haus Sauls nicht vernichten möge. Er ahnt schon, dass sich das Glück von ihm abgewendet hat.

Das, was nun folgt, gehört wohl mit zu den bewegendsten Szenen, von denen die Bibel erzählt:

“David fiel auf sein Antlitz zur Erde und beugte sich dreimal nieder, und sie küssten einander und weinten miteinander, David aber am allermeisten. Und Jonathan sprach zu David. Geh hin mit Frieden! Für das, was wir beide geschworen haben im Namen des HERRN, dafür stehe der HERR zwischen mir und dir, zwischen meinen Nachkommen und deinen Nachkommen in Ewigkeit. Und David machte sich auf und ging seines Weges; Jonathan aber ging in die Stadt."
Auch diese Stelle steht im l. Buch Samuelis im 20. Kapitel.

Ein Abschied voller Nähe und Verzweiflung. Ein Abschied, der ihre Freundschaft und Liebe zueinander in Gottes Hände legt.
"Sie küssten einander und weinten miteinander, David aber am allermeisten."
Es scheint so, als würde David, der bisher Nehmende, hier den ganzen Reichtum seiner Beziehung zu Jonathan erkennen und begreifen. Es ist ein Abschied, der die Endgültigkeit in sich trägt. Unwiederbringlich...
"...sie weinten miteinander, David aber am allermeisten."

Was jetzt folgt, ist das eigentliche Drama in dieser Liebesbeziehung zweier junger Männer. Sie konnten nicht zusammenbleiben, weil das Schicksal, die Regeln der damaligen Zeit und die Machtpolitik gegen sie waren und, schlimmer noch, David hat seinen Freund nie wieder lebend gesehen.
Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht gegen die Philister, die die Heere Sauls verlieren. Saul und Jonathan kommen dabei ums Leben. Der eine bringt sich um, als er die Ausweglosigkeit sieht, der andere fällt im Kampf, genau so wie seine Brüder.
Als David davon erfährt, bricht er zusammen und als er sich wieder gefasst hat, stimmt er ein Klagelied an, in dem sein ganzer Schmerz über den Verlust seines geliebten Freundes zum Ausdruck kommt. Es steht im 2. Buch Samuelis im 1. Kapitel:

"Israel, dein Stolz liegt erschlagen auf deinen Höhen.
Ach, die Helden sind gefallen!
Saul und Jonathan, die Geliebten und Teuren,
im Leben und im Tod sind sie nicht getrennt.
Sie waren schneller als Adler, waren stärker als Löwen.
Ihr Töchter Israels, um Saul müsst ihr weinen,
er hat euch in köstlichen Purpur gekleidet,
hat goldenen Schmuck auf eure Gewänder geheftet.
Ach, die Helden sind gefallen mitten im Kampf,
Jonathan liegt erschlagen auf deinen Höhen.
Weh ist es mir um dich, mein Bruder Jonathan,
ich habe große Freude und Wonne an dir gehabt. Du warst mir sehr lieb.
Wunderbarer war deine Liebe für mich, mehr als die Liebe der Frauen.
Ach, die Helden sind gefallen, die Waffen des Kampfes verloren"

Diese Erzählung rührt mich tief an. Mich rührt es an, wie treu zwei Menschen einander zugewandt sind. Mich bewegt die Entwicklung dieser Freundschaft, ihre Tragik und ihr Ende. In einer Welt, in der Menschen sich nur benutzen und ausnutzen, öffnen zwei einander ihr Herz, öffnen zwei Männer einander ihr Herz. Ich frage mich neugierig, welcher Art diese Beziehung wohl war. War's "nur" Freundschaft - eine außergewöhnliche sicherlich! - oder war auch mehr dabei? Von Liebe ist ja ausdrücklich die Rede. War auch Erotik mit im Spiel? Wenn ja, mit Sicherheit aber nicht die Erotik a la Beate Uhse.
Liebe Gemeinde, die Bibel verwehrt uns den neugierigen Blick ins Schlafzimmer, und das ist gut so! Nicht, weil sie prüde wäre; es hat wohl einen anderen Grund. Ich denke, dass sie uns aus gewohnten Sichtweisen befreien möchte. Gerade weil sie diese Beziehung nicht festschreibt und festlegt, kann sie unsere Sichtweise für die Gefühle empfänglich machen, die zwischen Menschen gleichen Geschlechts möglich sind. Für manchen unserer Zeitgenossen mag das befremdlich sein, aber die Bibel erzählt hier und bewertet nicht. Sie verbietet nicht und sie erlaubt auch nicht. Sie erzählt einfach nur vom Reichtum und von der Vielfalt der Liebe. Vielleicht mag es uns stören, wenn David in seiner Totenklage über Jonathan singt: "Deine Liebe ist mir wundersamer gewesen als Frauenliebe". Vielleicht wehren wir uns gegen diese Höherstellung, die in diesen Worten zum Ausdruck kommt. Doch fahren wir dem David nicht über den Mund, denn er scheint für und mit Jonathan etwas Unvergleichliches empfunden zu haben, und der Bibel ist es wichtig, von diesen Gefühlen zu erzählen. Viel ist zwischen Menschen möglich, die sich nahe sind. So mancher vertraute Maßstab und manche festgefügte Norm kann da ganz erheblich ins Wanken kommen. Hilft uns diese Erzählung in unserem Nachdenken über gleichgeschlechtliche Partnerschaften und deren Akzeptanz weiter?

Ich hoffe darauf und wünsche es uns, und ich bin froh, von David und Jonathan zu hören, dem Königssohn und dem Hirtenjungen, von ihrer Liebe zueinander und von ihrer Freundschaft. Wir alle erfahren damit doch auch vom Reichtum menschlicher Gefühle, die damals wie heute, immer noch ihre Gültigkeit haben und von uns akzeptiert werden sollten.

Amen